Ana Pečić

Ein (Pickel)Mal nach dem Anderen

Eine leichte Note verbrannter Textilien liegt in der Luft und ich merke, dass mein Hintern etwas zu warm wird. Ich mache einen Schritt nach vorne, etwas weiter weg von dem wohlig warmen Holzofen. Die vielen Autos die spät abends noch immer auf der B12 fahren, nehme ich kaum war. Es gehört zu meinem Hintergrundrauschen. Es war ein viel zu langer Tag und die Herbstsonne hat sich längst in eine klare Winternacht verwandelt. Ein eiskalter Luftzug trifft meine Beine, gefolgt von dem dumpfen Schließen der Balkontür und dem Schnattern der Rollos. Über den verbrannten Duft legt sich eine leichte Note Zigarettenrauch und das vertraute Husten meines Vaters. 

Na, wie war’s in der Schule?

Wir sprechen kurz über meinen nicht weiter aufregenden Schultag und reißen ein Paar fiese Witze über Martin, bis Mama uns mit dem Essen unterbricht. “Suppe?!” schnaubt mein kleiner Bruder und rennt schnell wieder in sein Zimmer, aber nicht ohne “Davon werd ich doch nicht satt!” in den Raum zu rufen. Ich bin auch nicht gerade begeistert und bleibe erst mal am Ofen stehen, um weiter meinen Allerwertesten zu wärmen. Meine Eltern sprechen auf unserer Muttersprache über irgendwelche langweiligen Dinge, die mich nicht weiter interessieren. Ich streiche mir meine leicht fettigen Haare aus dem Gesicht und erwische unangenehmerweise eine entzündete Stelle an meinem Haaransatz. Ich zucke leicht zusammen, verdrehe die Augen und verändere erneut meine Position vor dem Feuer. 

Meine Eltern sind unterdessen fertig mit dem Essen und räumen den Tisch ab. Als Mama wieder da ist, stellt sie sich vor mich hin und mustert mich mit einem Lächeln. Da hat sie ihn schon entdeckt. Den dicken, fetten Pickel, in dessen Weiß sich alle Lichter der Wohnung spiegeln. Martin würde jetzt sagen “Nee, Ana hat keine Pickel, sie ist ein Pickel!” und wir würden alle in schallendes Gelächter fallen. Doch heute gibt es keinen Witz und kein Gelächter meinerseits. “Sag nichts.” murmele ich ihr zu. Sie streicht mir mit einem festen, prüfenden Blick durch die Haare und erwidert “Es ist eigentlich besser geworden, oder?” Genervt von ihrer Frage, die allein durch die Schallwellen den Pickel zum explodieren bringen könnten, trete ich zur Seite und lasse mich in die Couch fallen. 

Meine Beziehung zu meiner Haut, und damit auch zu meinem Gesicht, kann man mit der Beziehung von einem Jugendlichen zu einer entfernteren Ü50-Bekannten vergleichen, die immer wieder fragt, ob man denn jetzt endlich einen Freund hat und ob man eigentlich mal Kinder haben möchte. Man toleriert die Strapazen und irgendwo gehören sie ja auch dazu, aber das macht die kurzen zwickenden Schmerzen nicht erträglicher. Ich weiß, dass mein Hautbild schlimmer aussehen könnte, aber ich weiß auch, dass es besser aussehen könnte. Die bestürzten Blicke einer Cousine, als sie einen Jungen mit akuter Akne sah, fand ich genau so abstoßend, wie den Anblick meines explodierten Pickels auf dem Spiegel. Dieser Gedankengang hilft also wenig.

Ich erinnere mich an eine rückblickend sehr amüsante Situation, als eine sehr liebe Bekannte meines Vaters, die wir immer oft und gerne besucht haben, mir sagte, sie hätte ein kleines Geschenk für mich. Aufgeregt blickte ich sie mit großen Augen an. Hat sie mir eine von diesen leckeren bosnischen Schokoladen zur Seite gelegt? Ich lehne mich an meinen üblichen Platz, gegen die Heizung in ihrem Esszimmer und warte gespannt. “Ich muss nur mal eben ins Bad!” ruft sie im Hinausgehen. Als sie wieder da ist, merke ich, dass es sich nicht um Schokolade handelt, sondern um etwas kleines, das gerade so in ihre Faust passt. Überrascht nehme ich das schwarze zylinderförmige Stück Plastik in die Hand und begutachte es. “Das habe ich bei Douglas gesehen und musste sofort an dich denken.” Es war ein Abdeckstift. Wie ein Lippenstift, nur statt einem roten schmierigen Etwas eben ein hautfarbener cremiger Stift. Verdutzt und auch etwas enttäuscht gucke ich sie an. “Dankeschön.” sage ich leise, “ich hab ehrlich gesagt Schokolade erwartet”. Unsere Blicke treffen sich und wir lachen, mein Gegenüber in ihrem temperamentvollen Trompetenlachen. 

Den Abdeckstift habe ich letztens wieder in meiner Schminktasche gefunden, in der die Sachen sind, die ich selten benutze. Die vielen, meist gut gemeinten Kommentare haben zwar etwas Trauer ausgelöst, aber auch immer wieder Trotz und viel Lachen. Irgendwas in mir hat sich gesträubt, mir wie ein Paar meiner Mitschülerinnen Makeup mit einem Spachtel aufzutragen. Ich habe immer verstanden wieso sie ihre Haut verstecken wollten, aber auch schnell gemerkt, dass ich da nicht mitziehen wollte. In einer besonders rebellischen Phase habe ich sogar in einem Facebook-Post stolz angekündigt, überhaupt keine Schminke mehr tragen zu wollen. Das hielt genau eine Woche. Den Abdeckstift habe ich nach meiner Entdeckung sofort weggeworfen, zusammen mit vielen anderen alten Geschenken und Testern. (Darunter Camouflage-Abdeckcreme und dicker Clerasil-Puder) 

Komischerweise ist die eigenartige Beziehung mit meiner Haut nie besonders stabil geworden. Hautärzte und Frauenärzte empfahlen mir schließlich die Pille, die noch einige andere Nebenwirkungen auslöste. Doch das Hautbild wurde ein wenig klarer – nie klar, aber klarer. Ich kann große Pickelmale tolerieren, vielleicht sogar akzeptieren, und hoffe, dass in ein Paar Jahren meine Falten alle Narben verschlucken. 

Habt ihr Erfahrungen oder lustige Geschichten über unreine Haut? Lasst einen Kommentar da!

Falls ihr mehr persönliche Erfahrungen lesen wollt empfehle ich euch die Geschichte, als mich eine Frau in der Bahn angegriffen und angeschrien hat: “Hören Sie endlich auf zu telefonieren!”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.