Ana Pečić

Flut

Wir fühlen eine konstante Flut an Informationen und Faktoren, die darauf warten, ausgewertet zu werden, um sie dann in unser Wertesystem aufzunehmen. Sie fühlt sich so an, als wäre die Luft über uns 50kg schwerer. Jeder Schritt ist anstrengend. Jeder Atemzug füllt unsere Lungen mit einem dickflüssigem etwas, das uns gleichzeitig nährt und ertrinken lässt. Unsere Schritte führen uns überall hin, doch jeder Schritt zieht uns weiter hinunter in die Strömung des Meers.

Ein Blick nach links, Werbung für ein Softgetränk wird auf die Wand projiziert. Im Bruchteil eines Moments, bevor wir unseren Blick abgewendet haben, haben wir bereits darüber nachgedacht, wie ungesund dieses Getränk doch ist, obwohl es als kalorienarm und zuckerfrei angeworben wird.

Bevor wir unseren Blick abgewendet haben, haben wir bereits darüber nachgedacht, wie beschissen doch die Abnehmkultur ist, wie gerne wir einfach nur das Leben genießen wollen, mit all ihren leckeren Getränken, Zucker oder nicht.

Bevor wir unseren Blick abgewendet haben, haben wir bereits darüber nachgedacht, wie dumm die Menschen doch sind, denen ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit scheißegal ist und wir haben darüber nachgedacht, wie sehr uns der Kommentar von der Schwägerin über unsere Figur letzten Endes doch gekränkt hat.

Unsere Augen sind nun auf den Boden gerichtet und bevor die vorherigen Gedanken versickert sind, kommt bereits die nächste Welle angespült. Wieso ist der Boden so voll mit Spucke, alten Kaugummis und Zigarettenstummeln? Warum treibt unsere Wut uns dazu, so rücksichtslos zu handeln? Wieso machen wir jedes noch so kleine Gefühl so unverhältnismäßig riesig?

Der Blick wandert vorsichtig nach rechts. Ein Plakat versucht uns davon zu überzeugen, ein Fernstudium zu beginnen. Wir sehen an der inneren Welle nach oben. Sie schaukelt langsam hin und her, hält inne—und bricht dann endlich auf uns nieder. Ich reiße den Mund weit auf und setze mein Kampfgesicht auf, mein Kampfschrei folgt als Nebenprodukt. Wieso studieren wir überhaupt und fahren jeden Tag 90 Minuten hin, 90 Minuten zurück, um am Ende ohne Berufsqualifizierung oder -erfahrung zwischen Praktikum und unbezahlter Traineestelle zu wechseln, bis wir in einem mittelmäßig bezahlten Job in einer Agentur landen und substanzlose Werbekampagnen ausspucken, wenn wir doch auch ein sinnvolles Fernstudium abschließen könnten?

Wir zwingen unsere Augenlider kurz zusammen. Einen kleinen Moment Windstille, ruhiges Meer, nur Versickern der vorherigen Welle. Der Atem wird leicht für eine Millisekunde. Fast mechanisch greift unsere Hand nach der Jackentasche, zwingt den Reißverschluss auf, stößt die Hand in die Tasche, zerrt das Handy raus. Der Sturm ebbt endlich ab. Der Blick sitzt fest auf dem kleinen Bildschirm und die Kopfhörer sind alles, das noch in unseren Ohren schallt. Denn wir sind angekommen. In der seligen digitalen Wiege, die uns in die Ignoranz schaukelt.

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