Ana Pečić

“Hören Sie endlich mal auf zu telefonieren!”

Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten.

Nach acht Stunden Vorlesungen steige ich müde in die Bahn. Etwas verträumt suche ich mir einen freien Platz und starre müde aus dem Fenster. Meine Kommilitonin sitzt mir gegenüber und macht ein paar unangebrachte Kommentare über Frauen aus Polen. Unangenehm berührt über ihre recht laute Stimme versuche ich dem Thema aus dem Weg zu gehen. “Sie meint es gut, aber auch gute Intentionen führen zu komischen Kommentaren”, denke ich. Wir jammern über unsere Universität und das Arbeitsleben bis sie aussteigen muss. Wir verabschieden uns und verabreden uns für die gleiche Zeit nächste Woche. Die Bahn fährt langsam los und der Harburger Bahnhof zieht langsam an mir vorbei.

Da ich noch 20 min Fahrt vor mir habe hole ich meine Kopfhörer raus. Nach etwa 5 min Fahrt tönt eine Lautsprecheransage und bittet alle Passagiere auszusteigen und in den vorderen Zugteil zu steigen. Genervt gehorchen wir und ich laufe schnell an einigen Menschen vorbei, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ich hab Glück. Ich zwänge mich an den Knien eines großen weißen Mannes im Anzug und dem Rock einer älteren Dame vorbei, um mich einer Frau mittleren Alters gegenüber zu setzen. Die S-Bahn ist voll. Menschen unterhalten sich in der einen Ecke und ein Baby schreit im hintersten Teil des Wagons.

Ich entscheide mich, meine Mutter anzurufen, um mich zu erkundigen, wie es meiner Familie geht. Da ich vor über zwei Jahren 800km weit weg gezogen bin, ist das Telefonieren unser bester Weg sich auszutauschen. Die Stimme meiner Mutter tönt auf der anderen Seite der Leitung.

Hi, sta ima?

Mir geht’s gut, Mama. Sta ima kod vas?

In einem Mix aus meiner ersten und zweiten Muttersprache unterhalten wir uns über alle wichtigen Dinge, während die Bahn gemütlich über die Gleise gleitet. Wir sprachen darüber, wie es meinem Bruder in der Schule geht. Darüber, wie mein erster Uni-Tag war. Dann darüber, wie es meinen Cousinen geht. Darüber, wie es meinem Hund geht. Und darüber, wie das Wetter in Bayern ist.

Auf einmal werden mir meine Kopfhörer aus dem Ohr gerissen und eine Hand versucht auch den zweiten Kopfhörer aus meinem Ohr zu reißen. Bevor ich verstehe, was passiert, schreit mich die blonde Frau mittleren Alters an. “Hören Sie endlich auf zu telefonieren! Ich hab auch Feierabend! Hören Sie auf!” Ihre blauen Augen blitzen aus ihrem weißen, faltigen Gesicht.

Als ich verstehe, was passiert, dreht zieht sich mein Magen zusammen, als wolle er in sich hinein schrumpfen. Entsetzt versuche ich die richtigen Worte zu finden. Die Bahn scheint auf einmal viel schneller zu fahren. Sie fährt so schnell von einem Moment in den nächsten, dass ich nicht merke wie sie in einander überfließen und mir langsam entgleiten. Mein Herz klopft gegen meine Brust und versucht scheinbar der blonden Frau an die Gurgel zu gehen.

“Ziehen Sie mir noch einmal meine Kopfhörer aus den Ohren!” keife ich noch immer perplex.

Die Augen im vollen Zug waren längst auf mich gerichtet. Der Wagon war nun vollständig still. Jemand musste auch dem Baby im hinteren Teil gesagt haben, dass es nun still sein muss, denn auch dieses hatte aufgehört zu weinen. Mein Magen hatte sich bereits wie ein Paar Socken in sich eingerollt und mein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Der Druck der vielen Augenpaare im Wagon und der fuchtelnden blonden Frau, die mir noch immer gegenübersaß, trieb mir schließlich die Luft in die Lunge. Ich nahm einen viel zu kurzen, nervösen Atemzug und sagte schließlich:

“Sie hätten mich doch auch normal ansprechen können, wenn ich Ihnen zu laut bin, anstatt mich hier vor allen anzuschreien!”

Das Adrenalin, das nun endlich meinen Fluchtreflex aktiviert hatte, war nun Herr meines Körpers. Ich stieß an den Knien des weißen Mannes im Anzug und dem Rock der älteren Dame vorbei. Ich drehte mich ein letztes Mal zur Frau und rief “Sie müssen ja ein tolles Leben haben”, bevor ich mich in den hinteren Teil des Zugs verkroch.

“Jetzt ist endlich Ruhe hier. “

Endlich fiel mir auch ein, dass meine Mutter noch immer auf der anderen Seite der Leitung war. Ich steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und sagte leise: “Ich bin wieder dran, Mama”. “Die ist ja verrückt! Beruhig dich, Ana. Streite dich nicht. Mit solchen Leuten kannst du nicht diskutieren.” “Ich weiß, Mama. Ich muss jetzt auflegen. Wir sprechen später, okay?” “Okay, Ana. Bis später. Bitte, streite dich nicht mit ihr. Bleib bitte ruhig, Ana. Bis später.” “Ja, Mama.”.

Es pochte in meinem Magen. Mein Herz pocht jetzt noch, wenn ich die Geschichte an meinem inneren Auge vorbeiziehen lasse. Doch das schlimmste Gefühl stellte sich erst kurz nach der Auseinandersetzung ein. Wieso hatte die Frau mich so angeschrien? Wieso hatte sie nur mich angesprochen und nicht die anderen Menschen, die sich unterhalten? Der Schmerz in meinem Bauch zog sich durch meinen ganzen Körper und pochte immer schneller.

Es schlich sich noch ein weiterer Gedanke in meinen Kopf. Ich wagte kaum, ihn auszuformulieren. Hätte sie mich angeschrien, wenn ich deutsch gesprochen hätte? Ich kam mir lächerlich vor, erbärmlich, weil ich diesen Grund überhaupt in Betracht zog. Ich bin eine junge, weiße, privilegierte Studentin und weiß überhaupt nicht, was Ausländerfeindlichkeit bedeutet. Das einzige, das mich neben meiner Muttersprache als Ausländerin zeichnete, war mein Name.

Ich war selbst Schuld, oder?

Ich erinnerte mich an die vielen Versionen meines Namens, die ich von meinen Mitmenschen gehört hatte. An die unangenehmen Fragen über meine Herkunft, die das Lesen meines Namens mit sich zogen. An die vielen offiziellen Stellen, die meinen Nachnamen falsch aufnehmen oder aus Einfachheit die Haken in Pečić wegließen. Und ich erinnerte mich an viele unangenehme Stereotypen, die Menschen über meine Herkunft herumwarfen.

Es war meine Schuld. Mir wurde schon immer gesagt, dass ich eine sehr kräftige Stimme habe und oft zu laut bin. Ich hatte meine Kopfhörer auf, also habe ich mich gar nicht richtig gehört. Was fällt mir ein, die Ausländer-Karte zu ziehen? Die Reaktion der Frau war wahnsinnig übertrieben und sie hätte nie an meinen Kopfhörern reißen dürfen. Doch ich war selbst Schuld, oder?

Die Wut über die blonde Frau und über mich selbst trieben mir den Schweiß auf die Stirn und beschleunigten meinen Atem. Der Zug glitt nun wieder in normaler Geschwindigkeit über die Gleise. Mein Herz pochte bis in meine Ohren.

Nächster Halt: Buxtehude. Ausstieg rechts.

Ich nahm tief Luft und eilte nach Hause.


6 Kommentare

  1. Mich nerven Dauertelefonierer in der Öffentlichkeit ebenfalls! Gerade da, wo man gezwungen ist, Telefonate mithören zu müssen, finde ich es sehr unhöflich. Ich spreche Leute dann höflich an und bitte sie um Rücksicht. Das gilt ebenfalls für Jugendliche, die ihre Musik ohne Kopfhörer hören. Bei Fernreisen gibt es Ruheabteile, wo telefonieren nicht erlaubt ist. Aber es gibt ja auch Notfälle, wo man kurz telefonieren muss. Das Zauberwort heißt Rücksicht.

  2. Also ich kann die Frau völlig gut verstehen. Das mit den Kopfhörer einfach aus den Ohren ziehen finde ich natürlich total übertrieben das hätte man auch anders machen können. Aber mich nerven auch immer diese Leute die meinen sie müssen laut in der Bahn telefonieren und wenn man Kopfhörer noch im Ohr hat kriegt man meistens gar nicht mit wie laut man eigentlich redet. Und viele Leute haben einen langen Arbeitsweg und möchten einfach in der Bahn einfach mal nach der Arbeit abschalten und auch ihre Ruhe haben. Und lautes telefonieren geht dann meiner Meinung nach auch überhaupt nicht. Man ist ja nicht allein in der Bahn und muss sich immer vor den Augen halten dass es auch noch andere Menschen gibt die vielleicht gerade keine Lust haben dem anderen Mann telefonieren zu zu hören von daher sollte man dann auch Rücksicht nehmen.

  3. Das Verhalten der Frau war nicht angebracht, das ist total respektlos . Andererseits verstehe ich einfach nicht , warum man Telefonate nicht zuhause in Ruhe erledigen kann . Mich nervt es auch und frage mich warum man überall erreichbar sein muss

  4. Ich verstehe die Frau nicht und auch nicht die, die ihre Kommentare abgegeben haben. Gerade zur Feierabend Zeit ist es immer laut in der Bahn. Schreiende Kinder, telefonierende Menschen und sich laut unterhaltende Feierabend Bier Genießer. Ist halt so, erholen kann ich mich zuhause. Ich glaube das die Frau genervt war weil sie nichts verstehen konnte. Es geben nicht viele Leute zu, aber wer hört nicht gerne hin über was sich andere unterhalten.
    Ana mach dir keine Gedanken das Du Schuld bist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.